Was Souvenirs aus Kambodscha mit Kinderarbeit zutun haben & Kritische Gedanken zu Reisen in Entwicklungsländern

Kambodscha, das ambivalente Land: Reichtum, Armut, Möglichkeiten, ungenutztes Potenzial, Landminen,… Freud und Leid so nah beieinander habe ich selten wahrgenommen. Dazu ist Kinderarbeit in Kambodscha ein großes, wenn auch kaum wahrgenommenes Thema. Touristen werden an jeder Ecke zu deren Unterstützung verleitet, ohne es zu merken. Ich musste mir von unserem Guide, der uns drei Tage zuverlässig durch den Angkor Archaeological Park geführt hat, auch erst die Systematik dahinter ganz genau erklären lassen, um zu verstehen, dass gutes Tun zu wollen noch lange kein gutes Ergebnis erreicht.


Den ersten Abend nach unserer Ankunft in Siem Reap in Kambodscha habe ich weinend im Hotelzimmer verbracht. Weil wir in einem 5-Sterne-Luxushotel mittags ein Mehrgängemenü serviert bekommen haben und meine zu diesem Zeitpunkt 16 Monate alte Tochter dabei mit Pommes und Nudeln um sich geworfen hat, während gleichzeitig die Kinder Kambodschas morgens betteln oder arbeiten, damit sie nachmittags in der Schule die Lehrer bezahlen können. Schule ist in Kambodscha eigentlich umsonst, die Lehrer erhalten von den Eltern der Kinder trotzdem Zuwendungen, weil ihr Verdienst nur sehr gering ausfällt. Was Tourismus mit Kinderarbeit zutun haben kann, das habe ich in Kambodscha  erfahren.

Reisende Eltern & Sicherheitsbedürfnis vs. Locallife

Aber von vorn. Eigentlich wollten wir uns die Tempel im Angkor-Gebiet anschauen und Kinderarbeit in Kambodscha war für mich erst mal kein Thema, mit dem ich mich beschäftigt habe. Überhaupt haben wir uns vorab kaum mit den Gegebenheiten vor Ort auseinander gesetzt, da wir uns ganz spontan dazu entschlossen haben während eines Thailandaufenthaltes nur kurz nach Siem Reap zu fliegen.

Und dann kam es anders als geplant und wir sind doch ein Weilchen länger geblieben und haben Land und Leute ein wenig besser kennen gelernt. Nicht ganz spurlos an mir vorbei gegangen ist dabei auch deren vergangene Geschichte und die Realität von heute.

Ursprünglich haben wir diese Asienreise als Backpacker „light“ angetreten, ohne Affinität für kostspielige Unterkünfte und delikates Essen. Thailand kennen wir gut und haben unserem Aufenthalt dort recht entspannt entgegen gesehen, eine Weiterreise nach Kambodscha war eigentlich nicht geplant.

Für ausgiebige Recherchen und für die Vorbereitung dieser Etappe blieb also kaum Zeit und so kam es wie es kommen musste: wir haben unser Motto ‚low budget | high culture‘ eingetauscht gegen ein teures Hotel, was uns bei der Buchung Sicherheit und einen entsprechenden Hygienestandard vermittelt hat.

Eltern mit kleinen Kindern und Babys werden diese Gedanken verstehen. Kurzfristig und undurchdacht haben wir uns dazu hinreissen lassen ein Rundum-sorglos-Paket zu buchen. Sicherheit und Sauberkeit haben wir in jedem Fall bekommen. Das schlechte Gewissen gab es dann in Kambodscha angekommen gratis dazu. Aber was hat das nochmal mit Kinderarbeit zutun? Ich schweife ab…

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Schwimmende Kinder im Siem Reap River.

Kaum sind wir in Siem Reap in der gleichnamigen Provinz gelandet, sind wir auch schon mitten drin. Dass diese eine der ärmsten im Entwicklungsland Kambodscha ist, das war uns bekannt. Dass die Touristenattraktion des Landes nur wenige Minuten entfernt liegt, hilft den Menschen hier wenig bis gar nicht. Im Gegenteil. Dass das Elend jedoch so groß ist und uns gleichzeitig so nah sein wird, damit haben wir nicht gerechnet.

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Vor der Fahrt zum Tonlé-Sap-See, der Junge wartet auf seinen Vater. Er wird gleich unser Boot steuern.

Wer rund um Angkor unterwegs ist, der wird auch mit Kinderarbeit in Kambodscha in Kontakt kommen – und mit mit der Tatsache, dass der Krieg hier noch lange nicht Geschichte ist. Vor allen Zufahrten zu den Tempeln und Sehenswürdigkeiten ertönt immer wieder die gleiche Melodie, gespielt von den Menschen, die denen noch verbliebenen Landminen zum Opfer gefallen sind.

Ihnen fehlen Gliedmaße, sie sehen verbraucht und gezeichnet vom Leben aus. Ich ertappe mich dabei, wegzuschauen. Denn unter den Musizierenden sind auch Kinder. Eigentlich möchte ich das gar nicht sehen und die Augen verschließen. Und eigentlich ist der Krieg im Land doch lange vorüber, warum explodieren dann immer noch Minen? Dass man ausschließlich befestigte Straßen und Wege benutzen soll, das habe ich in einem Reiseführer gelesen. Warum, das erzählen die Instrumente der Musiker.

Kinderarbeit in Kambodscha

Wir wissen gar nicht was wir tun und wie wir uns verhalten sollen. Wird unser Interesse als sensationsgierige Neugier gedeutet? Wird Wegschauen als Desinteresse wahrgenommen? Wie macht man es richtig und was soll man tun? Am ersten Tag legen wir eine nicht geringe Summe Dollar in die bereitgestellte Schale und gehen zügig weiter.

Ohne zu wissen, ob der von uns gewählte Betrag angemessen, zu hoch oder zu niedrig ist. Werden wir als geizige Touristen wahrgenommen, die ihr Urlaubsbudget eng beisammen halten? Oder als überhebliche Besucher, denen das Geld scheinbar sehr locker sitzt? Ich hätte es gerne richtig machen wollen.

Die Gedanken daran werden mich lange nicht loslassen. Ich kann mich hier nicht wohl fühlen, obwohl mir der Unterschied zwischen Reise und Urlaub durchaus bekannt ist. Wenn wir unterwegs sind, dann möchten wir etwas sehen von der Welt. Und zwar die Realität. Ungeschönt. Dass das viel Kraft kostet, haben wir hier in Kambodscha gemerkt.

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Diese beiden treffen wir bei Ta Prohm, ihre Mutter betreibt dort einen Obststand.

Nicht nur die Musikkapellen spielen vor jedem Tempel. Ebenfalls warten dort die Kinder oder sie musizieren gleich mit. Ich weiß nicht, was schlimmer ist: dass die Kinder Musik machen oder direkt offensiv betteln, anstatt in die Schule zu gehen.

Alternativ versuchen sie noch Souvenirs an die Frau und an den Mann zu bringen. Dass man mit der Hingabe von Geld oder dem Kaufen von kleinen Urlaubsandenken Kinderarbeit in Kambodscha fördert, darüber machen sich die wenigsten Urlauber Gedanken. Ja, jede einzelne Zuwendung führt dazu, dass ein Kind dafür arbeitet. Egal ob es musiziert, verkauft oder bettelt. Und zwar in einer Zeit in der es entweder spielen oder in der Schule sein sollte!

Ähnlich verhält es sich übrigens mit Geschenken, warum du sie nicht persönlich an die Menschen vor Ort überreichen solltest, liest du hier: Geschenke für Kinder im Reiseland – lasst es lieber sein!

Alternativen gegen Kinderarbeit in Kambodscha

Wir haben uns noch lange später überlegt, wie wir uns korrekt und richtig hätten verhalten können, um die Kinderarbeit in Kambodscha nicht weiter zu unterstützen. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass die Erwachsenen im Land merken müssen, dass es sich nicht lohnt die Kinder von der Schule fernzuhalten und stattdessen auf die Straße zu schicken.

Und ja, dazu gehört auch, dass wir den Kindern ein paar Dollar verwehren, obwohl wir diese locker übrig haben. Das ist hart, das ist gemein und es ist auch für uns sehr schwierig, standhaft zu bleiben. Denn eigentlich können die Kinder für all das nichts. Und trotzdem wird man nur so langfristig ein Umdenken und damit eine Veränderung für die Kinder bewirken.

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Geschwister am Rande eines schwimmenden Dorfes

Das eigentliche Problem in Kambodscha ist das geringe Einkommen der erwachsenen Einheimischen, die durch die bettelnden und verkaufenden Kinder die Familienkasse aufbessern. Und das wirkt. Bei mir wirkt es immer noch. Seitdem ich Mutter bin, bin ich noch sensibler. Ich wünsche mir Bildung und Möglichkeiten für meine Tochter, aber auch für alle anderen Kinder dieser Welt. Denn das sind die Erwachsenen von morgen.

Geringes Einkommen fördert die Kinderarbeit in Kambodscha

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Vierzehnjähriger Mönch in Angkor Wat.

Wie löst man das Dilemma, wenn man langfristig und nachhaltig helfen möchte? Die einfachste Möglichkeit: Kindern nichts geben und von Kindern nichts kaufen. Die Eltern müssen sehen und spüren, dass es sich nicht lohnt die Kinder vor zu schicken.

Wir haben demonstrativ mehrfach bei erwachsenen Händlern etwas gekauft, vor allem dann, wenn Kinder in der Nähe waren. Denn meistens sind es ihre eigenen, die sie vorschicken. Kinderarbeit in Kambodscha raubt den kleinen Menschen wertvolle Lebenszeit, die sie in ihre Zukunft investieren könnten, wenn sie eine Schule besuchen oder andere Freizeit- und Bildungsangebote wahrnehmen würden.

Noch besser ist es in sorgfältig ausgesuchte Projekte zu investieren, dann kommt das Geld auch wirklich dort an, wo es so dringend gebraucht wird. Ohne dass Kinder dafür auf die Straße gehen und arbeiten müssen. Nochmal: auch betteln und musizieren anstelle von Spiel und Bildung ist Arbeit.

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Ich habe mich daher dazu entschlossen ein Hilfsprojekt zu unterstützen. Bildung und Schule sind in Kambodscha nicht selbstverständlich. In einem Land voller Korruption aber umso wichtiger, denn nur informierte Menschen stellen Fragen und beteiligen sich aktiv an der Gestaltung ihres Landes.

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Was uns besonders berührt und sehr traurig macht: die schlechte medizinische Versorgung der Kinder in Kambodscha. Die meisten Familien haben keine Krankenversicherung oder es ist lediglich der Familienvater versichert, der für die finanzielle Versorgung verantwortlich ist.

Kinder versterben in Kambodscha oft an nicht diagnostizierter Tuberkulose, weil es an der entsprechenden Technik zum Erkennen dieser Krankheit fehlt. Hier wird nochmal eine nicht hinnehmbare Tragik deutlich: Menschen und insbesondere Kinder in den ärmsten Gegenden der Welt erhalten nicht ausreichend medizinische Versorgung, weil es an leicht beschaffbaren Geräten fehlt oder diese als nicht nötig klassifiziert werden.

Die Foundations Childrens Hospitals Kambodscha(Schweiz) ist ein Projekt, das wir uns vor Ort haben näher erklären lassen und für unterstützenswert halten. Denn neben Bildung hat auch Gesundheit eine große Bedeutung. Dr. Beat Richner spielte bis zu seiner eigenen Erkrankung zahlreiche Benefizkonzerte mit seinem Cello in Siem Reap, zur Unterstützung der fünf Kantha Bopha Kinderkliniken. Vor kurzem ist dieser großartige Mensch leider verstorben.

Ich würde mich sehr über Unterstützung freuen! Machst du auch mit?

8 Kommentare

  1. 22/09/2018 / 11:38

    ein sehr eindringlicher Artikel, der eines der vielen kontroversen Themen des Reisens beleuchtet. Ich finde es toll, dass du versuchst, deinen Beitrag zu leisten!
    Viele Grüße
    Sebastian von Japsolut on Tour

    • Isabel
      Autor
      22/09/2018 / 12:01

      Hi Sebastian,

      Danke für dein Feedback!

      Ich finde Aufklärung sehr wichtig.
      Viele Dinge wusste ich selbst auch nicht oder habe sie erst auf unseren Reisen gelernt!

      Meine Erfahrungen schreibe ich daher gerne auf 🙂

      Sei lieb gegrüßt, ich schaue gleich mal bei euch vorbei!

  2. 10/12/2018 / 19:25

    Toller Artikel und tolle Bilder. Ich finde zum Reisen gehört auch dazu sich mit den weniger urlaubshaften Momenten zu beschäftigen und die Länder im Ganzen zu sehen. Schön, dass du hier einen Aspekt aufgreifst. Grüße Kristina

    • Isabel
      Autor
      10/12/2018 / 19:36

      Liebe Kristina,

      danke dir für dein Feedback!

      Das sehe ich ganz genau so!

      Liebe Grüße

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