Geschenke für Kinder im Reiseland: Lasst es lieber sein!

Ich bin gern im Netz unterwegs, lese Impressionen von anderen Reisenden, lasse mich inspirieren und verfolge Diskussionen in Foren und Gruppen – gerne auch zu nachhaltigem Reisen (wenn man das überhaupt noch so bezeichnen darf). Ein immer wiederkehrendes Thema ist das Mitbringen von Geschenken ins Reiseland, besonders wenn diese an Kinder überreicht werden.

Ich sehe das sehr kritisch und möchte mit diesem Beitrag zum Nachdenken anregen und Austausch in Gang bringen. Deswegen freue ich mich besonders, wenn du am Ende auch einen Kommentar hinterlässt und mir deine Gedanken zu diesem Thema verrätst.


In der Vergangenheit habe ich oft überlegt, ob wir nicht verpflichtet sind, vor Ort etwas zu geben und zu spenden. Gleichzeitig kommt der Gedanke auf, wie man das richtig gestaltet. Einem Kind ein Souvenir abkaufen? Großzügig Essen verteilen? Dinge des täglichen Bedarfs ausgeben oder aus Deutschland mitgebrachte Güter an die Einheimischen verschenken?

Meine grundsätzlichen Gedanken zu Reisen in Entwicklungsländern und was Tourismus mit Kinderarbeit zutun hat, habe ich vor einiger Zeit bereits aufgeschrieben.

Schenken zum Selbstzweck

Warum schenken die Touristen? Warum gibt es ihnen etwas, wenn sie Kindern ein Bonbon, Buntstifte, Luftballons oder andere Goodies überreichen, auch wenn sie eigentlich informiert darüber sind, dass das für die Menschen keinen Mehrwert darstellt. Ist es Macht, die sie spüren wollen?

Ist es Großzügigkeit, die sie fühlen möchten? Warum ist es uns so wichtig, anderen eine Freude machen zu wollen? Welcher Mangel steckt bei uns dahinter, wenn wir Güter verteilen möchten, die für die Beschenkten nur so lange verfügbar sind, wie wir an Ort und Stelle sind?

Die niemals wieder beschafft werden können, wenn sie kaputt sind? Die unerreichbar für die Beschenkten sind, auch wenn der Wunsch sie nochmals zu besitzen noch so groß ist?

Was westliche Geschenke in Dritte-Welt-Ländern bewirken

Ohne Zweifel, ich sehe auch gerne leuchtende Kinderaugen. Besonders gern die von meiner Tochter. Und natürlich möchte ich am liebsten in allen Ländern der Welt Frieden stiften und den Menschen, die uns überall so freundlich empfangen, etwas Gutes tun.

Was bedeutet es aber langfristig, wenn ich einem Kind ein Bonbon gebe, welches ihm vermutlich besonders gut schmeckt, aber dieses Bonbon danach für lange Zeit nicht verfügbar ist? Ich fördere Verlangen und Sehnsucht.

Vielleicht forciere ich Abhängigkeit. Oder Unmut und Hass. Vielleicht auch nur ein wenig Neid, der schnell wieder aus den Gedanken verflogen ist. Ob Zucker ein Suchtmittel ist, das ist eine ganz andere Diskussion. Aber zumindest entsteht eine Abhängigkeit zwischen den Menschen im Reiseland, übrigens vorwiegend Kindern, und den Touristen.

Hinzu kommt, dass vor Ort oft kein vernünftiger Umgang mit Müll gelebt wird. Geschenke aus Plastik, wie es Kugelschreiber, Luftballons und dergleichen sind, sind nichts anderes als Abfall. Früher oder später. Im besten Fall landen die Überbleibsel auf dem Feuer, das sowieso schon hinter dem Haus lodert und auf dem der Unrat des Alltags verbrannt wird.

Im schlimmsten Fall nimmt irgendein Nutztier, auf das die Familie angewiesen ist, den leeren Luftballon währen es Gras frisst auf und verendet dadurch qualvoll. Das Tier erfährt Leid und eine wichtige Nahrungsquelle der Menschen geht verloren.

Und das alles nur für einen Luftballon.

Geschenke für Kinder im Reiseland: Lasst es lieber sein!

Außerdem hält die Aussicht auf Geschenke die Kinder davon ab, eine Schule zu besuchen oder zumindest ihr teilweise fern zu bleiben. Warum? Weil sie abwägen. Sie haben durch das Herumlungern auf der Straße und vor Sehenswürdigkeiten die Aussicht auf Geschenke und auf Geld, was ihnen zugesteckt wird. Dass die Grenzen zur Kinderarbeit fließend sind, wird dabei oft übersehen.

Achtung Kinderarbeit

Dass man von Kindern keine Souvenirs kaufen sollte, versteht sich. Nicht? Lies gerne meinen Beitrag und meine Erfahrungen aus Kambodscha dazu. Die Kinder werden bewusst von der Familie auf die Straße geschickt. Zum verkaufen, zum betteln. Aber auch mit der Aussicht auf Geschenke. Dieses Straßenleben und Beitragen zum Familieneinkommen wird eingetauscht gegen Bildung, die gerade in Ländern mit wenig Zukunft umso wichtiger wäre. Die Spirale geht weiter.

Irgendwann sind sie zum Betteln und Geschenke annehmen nicht mehr jung genug. Die Augen von kleinen niedlichen und so hilflos scheinenden Kindern leuchten für die Touristen eben mehr als die von vorpubertären Teenagern. Was dann? Bildung fehlt. Eine neue Alternative muss her. Nach dem betteln kommt das verkaufen.

Und wenn das nicht mehr funktioniert dann sind unter Umständen Prostitution oder Eigentumskriminalität nicht mehr weit entfernt. Entweder um sich den geschaffenen Lebensstandard zu erhalten oder um ihn überhaupt erst zu erreichen. Um eine durch uns Touristen geweckte Sehnsucht zu befriedigen.

Ja, auch ein Malbuch oder ein paar Buntstifte fördern diesen Kreislauf. Warum? Weil die Handhabung dieser Sachen oft nicht beherrscht wird, aber bekannt ist, dass sie sich zu Geld machen lassen. Wer Gutes tun will, muss umdenken und vor allem auf die Folgen und nicht nur auf ein gutes Gefühl bei sich selbst schauen.

Der geschichtliche Aspekt

Der weiße Mann, der kommt und gibt. Irgendwie ist das ziemlich kolonialistisch angehaucht. Karitative Absicht hin oder her, ein Blick in die Vergangenheit kann nie schaden. Meine Devise ist immer: es kommt darauf an, wie es bei meinem Gegenüber ankommt und nicht wie ich es gemeint habe.

Selbst braucht man sich aus weiter Entfernung keinen Schuh anziehen, die beschenkte Bevölkerung tut es trotzdem! Das Schenken in Entwicklungsländern ist für mich ein typisches Beispiel von gut gemeint und schlecht gemacht.

Oft kann die Bevölkerung im Reiseland mit unseren westlichen Gütern auch einfach nichts anfangen. Die Menschen im Urwald von Westpapua wissen vielleicht gar nicht, wie Kugelschreiber funktionieren – um mal ein sehr deutliches Beispiel zu nennen.

Oft werden diese Dinge aus Neugier und im Erkundungsdrang schnell zerstört, weil die Empfänger die Handhabung nicht beherrschen. Aus Kugelschreibern und Luftballons entstehen Schrott und Müll, der entweder in Gewässern oder in den Mägen der Nutztiere landet. Mit gut gemeinten Geschenken zerstören wir sogar die Umwelt der dort lebenden Menschen.

3 Alternativen zu Geschenken im Urlaub

  • Bildungsmaterialien wie Stifte, Blöcke und Papier in Schulen abgeben anstatt auf der Straße zu verschenken. Denn dort werden die Benutzer mit der Handhabung vertraut gemacht und können sie sinnvoll verwenden.
  • Eigenes Wissen und Fähigkeiten vor Ort einbringen, zum Beispiel beim Aufbau eines (eingestürzten) Hauses helfen.
  • Seriöse Organisationen vor Ort oder von zu Hause aus unterstützen. Sich in Hilfsprojekte einzubringen ist ebenfalls eine gute Möglichkeit, allerdings nur dann, wenn man lange vor Ort bleibt und auch wirklich selbst Fähigkeiten besitzt, die man vermitteln kann.

Selbstlos schenken und Gutes tun

Ich mag mit meinem Text zum Nachdenken anregen und möchte niemanden belehren. Zum hineinhorchen in uns selbst, um auf uns zu schauen und zu hinterfragen was uns dazu bewegt, gespendete und gestiftete Sachen unbedingt selbst übergeben zu wollen.

Wenn ich Gutes aus Überzeugung tue, dann mache ich das auch ohne Gegenleistung meines Gegenübers. Oder sind mir der Blick in leuchtende Kinderaugen und ein dankbares Winken eines Erwachsenen für mein eigenes Wohlbefinden wichtiger als deren Gesundheit, Glück, Zufriedenheit und Freiheit?

Mit diesem Text nehme ich an Tanias Blogparade teil. Sie befasst sich mit der Verantwortung von Reisebloggern und sammelt verschiedene Sichtweisen zu diesem Thema.

Was meinst du dazu? Schreib mir gerne einen Kommentar!

Bis bald!

Geschenke für Kinder im Reiseland und warum du darauf lieber verzichten solltest! www.childandcompass.com | Entwicklungsländer | Geschenke für Kinder in Afrika | Entwicklungshilfe

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6 Kommentare

  1. 02/11/2018 / 20:21

    Ich finde das super! Wirklich toll und richtig was du schreibst. Ich sehe das eigentlich genau so.
    Ich habe zwar mal eine private Spendenaktion gemacht, aber zunächst abgeklärt was gewünscht ist und ob es überhaupt gewollt ist! Es war ein einmaliges Erlebnis, aber mir wurden eben auch jene Punkte welche du nennst bewusst: immer überlegen ob es wirklich was bringt. Dass einfach hinfahren Bonbons verteilen und abhauen nicht sinnvoll ist, wird da schnell klar. Man muss mit Leuten vor Ort arbeiten oder sich eben gute Organisationen raussuchen, was aber echt schwer ist…
    Wenn es ok ist – hier unsere damalige Aktion: https://www.kindimgepaeck.de/ein-weihnachtsmann-in-lesotho/

    • Isabel
      Autor
      02/11/2018 / 20:31

      Hey Mel,

      klar ist das okay, klicke ich gleich mal rein 😊
      Ich finde es auch sehr schwer und möchte gar nicht zwischen richtig und falsch kategorisieren, sondern zum Nachdenken anregen!

      Wir sind zum Beispiel durch eine persönliche Empfehlung auf die Stiftung von B. Richner aufmerksam geworden.

      Liebe Grüße

  2. 02/11/2018 / 22:46

    Ein toller Beitrag, der zum Überlegen anregt.
    Wir kaufen eigentlich immer bei den Einheimischen ein (Souvenirs, Bananen usw), aber wir achten immer darauf, dass es in einem ausgewogenen Verhältnis ist und wir jetzt nicht als Wohltäter rüberkommen.
    Die Stiftung schau ich mir gerne mal an.
    LG
    Charnette

    • Isabel
      Autor
      03/11/2018 / 08:05

      Danke Charnette,

      wir essen ja sowieso in von Locals betriebenen Restaurants und bei den Bananen und Früchten unterwegs greifen wir auch sehr gern zu 🙂

      Nur von Kindern kaufen wir nichts. Stichwort Kinderarbeit!

      Liebe Grüße

  3. 03/11/2018 / 21:09

    Ein sehr guter Beitrag! Ich bin auch immer zwiegespalten, wenn es um das Schenken geht. Am Ende eines Urlaubs lasse ich meist ein bisschen Kleidung im Land, das ist dann aber meist für Erwachsene. Letztens in Ecuador hatte ich 20 kleine Malbücher zum Thema Umweltschutz im Gepäck (eigentlich eine schöne Aktion von Explainora). Am Ende der Reise hatte ich genau eins davon verschenkt, und zwar an die Tochter eines Herbergsvaters. Bei anderen sich bietenden Gelegenheiten hatte ich immer ein blödes Gefühl …

    • Isabel
      Autor
      03/11/2018 / 21:15

      Liebe Sabine,

      danke dir für dein Feedback!
      Dein Gefühl kann ich verstehen, mir wäre es vermutlich ähnlich gegangen.

      Dieses Jahr in Indonesien haben wir ein Buch meiner Tochter an die Enkelin des Hostelbesitzers verschenkt. Weil es sich so ergeben hatte. Irgendwie war die Situation komisch – auch wenn das Mädchen überhaupt nicht ‚bedürftig‘ war.

      Mir fällt es häufig schwer zu erkennen, ob die Beschenkten das, was man ihnen überreichen möchte, überhaupt gut finden und es nicht nur aus Höflichkeit annehmen.

      Die Thematik Kinderarbeit war mir in diesem Zusammenhang auch lange nicht bewusst.

      Liebe Grüße

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